SCHWIERIGER SAISONSTART

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert (Albert Einstein)

Ende Januar – genauer gesagt am 24.01. dieses Jahres –  sind wir los. Die Türen werden abgeschlossen, die Heizung auf Minimum gedreht, der Strom für die Küchengeräte abgeschaltet und dann dreht sich der Schlüssel im Schloss. Diese Welt geht für die nächsten Monate in Warteposition, bleibt da, unverändert. Und eine neue, bekannte und unbekannte Welt wartet da draußen, der wir uns mit jedem zurückgelegten Kilometer nähern. Immer wieder aufs Neue legt sich Spannung auf den Absprung, auf den Augenblick, wenn die Nabelschnur ans Zuhause gekappt wird. Was werden die kommenden Monate bringen?

Winterfahrt

Die Anreise nach Andalusien entpuppt sich dieses mal als schwierig; wettermäßig eine echte Herausforderung. Während der erste Tag der Fahrt noch ganz gut verläuft, empfängt uns der zweite Tag mit Dauerregen. Es schüttet wie aus Kübeln, wie wir es in Frankreich schon oft erlebt haben. Doch dieses mal wird es ab der spanischen Grenze nicht besser, sondern ganz im Gegenteil – schlechter. Bei 3 Grad und Graupelschauer sind zum Teil die Straßen mit Schneematsch belegt und wir entscheiden uns, die geplante Campingnacht im Bus zu canceln. Es stürmt wie verrückt und an draußen kochen ist gar nicht zu denken. Auf die Schnelle buchen wir noch abseits der geplanten Route ein Zimmer – doch in Valladolid gestaltet sich mitten im Zentrum die Parkplatzsuche samt Anhänger als nervtötend. Zu guter Letzt müssen wir unser Gerödel im Regen zur Unterkunft schleppen.

Da wir für Freunde zwei Gepäckstücke im Anhänger haben, sind wir am dritten Tag auf dem Weg nach Motril ans Mittelmeer. Wir wollen dort die Sachen in der Marina abgeben. Die Strecke kennen wir nicht, sie führt über Madrid und über höhere Berge, die wiederum im Schneematsch liegen. Und es regnet und stürmt und lässt nichts gutes Ahnen. Für den Tag darauf kündigt sich zudem Sturm “Josef” an und wir sehen bereits im Geiste unsere übers Boot gezogene Schutzplane im Wind zerreißen. In Motril haben wir aber erstmal Glück, das Office ist besetzt und wir können unser Stückgut abgeben. Kurzerhand entscheiden wir danach, doch noch bis Rota durch zu fahren, um dann am nächsten Tag am Boot vor Ort zu sein. Nochmals liegen ein paar Stunden Fahrt vor uns, so dass wir schließlich nach über 1000 Kilometern am Stück und nach 17 Stunden unterwegs endlich an diesem Tag am Boot sind. Die Eingangsschranke ins Hafengelände lässt sich mit unserer Karte mitten in der Nacht nicht mehr öffnen und krönt den Tag mit einem Fluch! In strömendem Regen kriechen wir in die Kajüte und fallen nach einem Glas Rotwein ins Koma.

Das Frühjahr der Stürme

“Kristin”, “Leonardo” und “Marta” – tolle Namen, die jedoch Verwüstung und viel Leid über die Menschen bringen. Sechs Stürme sind seit Jahresbeginn über Portugal und Spanien gefegt und es regnet in Andalusien zudem wie vielleicht noch nie. Flüsse treten über die Ufer, ganze Landstriche stehen unter Wasser, Einwohner müssen evakuiert werden und ein paar Leute fallen den Unwettern auch tödlich zum Opfer. Es wird ein Milliardengrab für Portugal und Spanien und die Schäden an der Küste, aber auch im Hinterland gehen fast ins Unermessliche.

Wir haben das Gefühl, dass die Welt zunehmend aus den Fugen gerät. Die Natur ist übermächtig und schlägt weltweit zu. Nirgendwo gibt es mehr einen sicheren Platz, alles ist unberechenbar geworden. Und so wettern wir einen Sturm nach dem Nächsten ab; und sie kommen in sehr kurzer Reihenfolge mit unbeschreiblichem Regen. Wir haben das Boot mit vielen Festmachern abgespannt, und trotzdem bleibt kein gutes Gefühl, wenn die Klampen, Fender und Leinen ohne Unterlass knarzen oder sich die Yachten in den Böen wir in Zeitlupe synchron auf die Seite neigen. Bei kreischendem Wind von 100 km/h wird der Aufenthalt an Bord zur Mutprobe für den Mensch und Höchstbelastung für das Material. Auch der fehlende Schlaf geht mit der Zeit an die Nerven – wer bei diesen Bedingungen im Hafen noch nicht seekrank geworden ist, wird’s auch draußen nicht mehr.

Lichblick am Horizont

Laut Wettervorhersage soll sich die allgemeine Lage ab Mitte Februar langsam beruhigen. Das beruhigt auch uns ein bisschen und irgendwo waren da ja noch Aufbruch-Gedanken und der Wunsch weiter zu kommen. Man wird sehen und wir tun unser Möglichstes, nicht die Laune zu verlieren.

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)